Gustav Klimt im Fin de Siècle

    Gustav Klimt, Bildnis einer Frau,  1916-17, Öl auf Leinwand, 60 × 55 cm, Galleria d’arte moderna Ricci Oddi (Piacenza)
    Gustav Klimt, Bildnis einer Frau, 1916-17, Öl auf Leinwand, 60 × 55 cm, Galleria d’arte moderna Ricci Oddi (Piacenza)

    Die Kunstwelt schreibt immer wieder hochspannende Kriminalgeschichte. Es ist noch gar nicht so lange her, als im Grünen Gewölbe in Dresden eingebrochen wurde und wertvolle Juwelen entwendet wurden. Und nun erfahren wir, dass in der Mauer des Museums Ricci Oddi in der Stadt Piacenza in Norditalien ein berühmtes Gemälde des österreichischen Malers Gustav Klimt (1862-1918) wieder aufgetaucht ist.

     

    Als das „Bildnis einer Frau“ 1997 verschwand, hinterließ es eine Reihe an Rätseln. Man war sich nicht sicher, wie der Diebstahl von Statten ging und die einzige Spur war ein Teil eines Fingerabdrucks auf dem leeren Rahmen.

    Bis heute konnten die Täter nicht gefunden und der Fall nicht aufgeklärt werden. Ende letzten Jahres wurde jedoch das Portrait, entstanden 1916-17, in der Außenmauer der Galleria, versteckt hinter Efeu und einer kleinen Klapptür, von den Gärtnern des Museums gefunden. Fast 23 Jahre scheint es dort verborgen gewesen zu sein und befindet sich laut Experten in einem relativ guten Zustand - ein Wunder, wenn man die Witterungsverhältnisse bedenkt.

     

    Das Gemälde gehörte zu den meist gesuchten Werken der Kunstgeschichte und wird auf einen Wert von Minimum 60 Mio. Euro geschätzt. Interessant ist auch, dass 1996, im Jahr vor dem Diebstahl, festgestellt wurde, dass sich ein weiteres Portrait unter dem nun sichtbaren befindet.

     

     

    Das Portrait einer jungen Frau mit Hut war seit 1912 verschollen. Klimt übermalte es wohl, um seinen Schmerz zu lindern, als das junge Mädchen plötzlich verstarb.

     

    Die Echtheit ist nun bestätigt. Und wir nehmen den Vorfall zum Anlass ein wenig über Gustav Klimt als Jugendstilkünstler zu reflektieren und das „Bildnis einer Frau“ näher zu betrachten.

    Klimt war Mitbegründer der Wiener Secession 1897 und legte damit den Grundstein, der Wien zu einem wichtigen Zentrum des Jugendstils machte.

    Typisch für die Kunst und das Handwerk des Jugendstils ist die Hinwendung zur Natur, einer organischen Formgebung sowie florales Dekor und Ornamente. Das Design wirkt oft sehr dynamisch, bewegte Linienführungen sind maßgebliche Charakteristika der Strömung.

    Gustav Klimts Malerei ist zwar geprägt durch Flächigkeit. Seine mosaikartigen Farbkompositionen sind aber eingerahmt in fließende Konturen. Die Zweidimensionalität und der Kontrast zwischen klaren Flächen gerahmt von bewegten Linien verstärkt die Wirkung der traumhaften Bilder.

    Bei der Motivwahl fokussiert er sich neben Landschaftsbildern insbesondere auf symbolistische Allegorien, die u.a. antike Mythen zur Grundlage haben und stark an psychoanalytische Assoziationsbilder erinnern. Diese interdisziplinäre Verbundenheit ist als Zeitgenosse Sigmund Freuds nicht verwunderlich - Traumdeutung und Psychoanalyse faszinieren die damalige Gesellschaft um die Jahrhundertwende und offenbaren eine Inspirationsquelle für die Kunstschaffenden. Die menschliche Psyche und das Unbewusste regten zu einer Zeit der aufkommenden seriellen Produktion und des in den Hintergrund tretenden Handwerks die Kreativität und die Fantasie an.


    Bekannt ist Klimts Werk vor allem durch die Verarbeitung von Blattgold geworden. Seine „Goldene Periode“ (ca. 1899-1910) wird ab 1910 allerdings, inspiriert durch die Werke von Künstlern wie Henri Matisse, Vincent van Gogh und Paul Gauguin, von einem Stil abgelöst, der postimpressionistische, schon fast expressionistische Tendenzen aufweist. Die farbintensive französische Malerei der Fauves beeinflusst sein Spätwerk ausschlaggebend. In diese Zeit fällt auch das bis dato verschollene „Bildnis einer Frau“. In den Werken des österreichischen Malers sind vorwiegend Frauen abgebildet, gerne auch weibliche Akte. Zwischen 1889 und 1917 schafft er um die 20 Frauenportraits. In der stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft des Fin de Siècle war sein sinnlicher Blick auf das Weibliche gerne gesehen. 

    Gustav Klimt, Adele Bloch-Bauer I, 1907, Öl, Silber und Gold auf Leinwand, 138 × 138 cm, Neue Galerie (New York)
    Gustav Klimt, Adele Bloch-Bauer I, 1907, Öl, Silber und Gold auf Leinwand, 138 × 138 cm, Neue Galerie (New York)

    Die Stereotypen „Femme fatale“ und „Femme fragile“ sind kennzeichnend für das Frauenbild zwischen 1890 und 1905 - so greift Klimt die typischen Charakteristika auf und verbindet sie mit klassischen Motiven der Kunst. Er verwandelt Allegorien und Frauendarstellungen aus dem Kanon der mythologischen und christlichen Ikonographie in erotische, lockende, weibliche Gefahr.

     

    Aber auch bekannte Damen der Gesellschaft lassen sich von ihm portraitieren. Zu den bekanntesten Bildnissen gehören das Gemälde von Sonja Knips (1898), das erste Werk, das bereits die Tendenz hin zur Flächigkeit und weg vom akademischen Malstil aufzeigt. Außerdem das Bildnis von Marie Henneberg (1901/1902), eines der wenigen Werke Klimts, das sich in einer deutschen Sammlung, der des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale) befindet, und allen voran das im Jahr 1907 entstandene Portrait von Adele Bloch-Bauer mit dem Titel „Adele Bloch-Bauer I“ („Goldene Adele“), das in einer Auktion im Jahr 2006 den Rekordpreis von 106,7 Mio. Euro erzielte, bis zu dem damaligen Zeitpunkt der höchste Preis, der für ein Gemälde erzielt werden konnte. Es befindet sich zurzeit in der Neuen Galerie in New York.

     


    Wer Klimt für das „Bildnis einer Frau“ Modell stand, ist unbekannt. Dargestellt in einem Dreiviertelprofil in weißem Kleid mit unaufdringlichen Farbtupfern vor grünem, undefiniertem Hintergrund, wirkt die Gestalt sehr zart. Der leicht geöffnete Mund und die schweren Augenlider im Zusammenspiel mit der blassen Haut und den geröteten Wangen verleihen ihr einen sinnlichen, verträumten Ausdruck. Sie scheint ins Leere zu schauen, ihren Wünschen und Träumen entgegen. Den Betrachter blickt sie nicht direkt an, viel mehr scheint sie durch die Realität hindurch zu blicken - sehnsüchtig, melancholisch und doch hoffnungsvoll. Woran mag sie denken? Welche Fantasien lassen sie erröten? 

    Zerbrechlich wie Porzellan erscheint die Haut. Die Darstellung ist ein treffendes Beispiel für die Femme fragile mit müdem Blick, fast kindlich und hilfsbedürftig. Man möchte sie retten und trösten und lieben zugleich. Gewand sowie Farb- und Bildkomposition lassen zudem den Einfluss des japanischen Farbholzschnittes deutlich in Erscheinung treten.

     

    In Klimts Werk wird die Frau selbst zum Ornament, zum Dekor der Saloneinrichtung. Die Frauenfiguren werden im Verlauf seines Schaffens nicht mehr in einem Interieur oder einer Landschaft gezeigt, sondern verschmelzen förmlich mit dem Bildhintergrund, scheinen zu schweben und werden zu übernatürlichen Erscheinungen.

     

    Beispielhaft für die Darstellung der Femme fatale in Klimts Werk ist das „Beethovenfries“, ein von ihm im Jahr 1901 gemalter Bilderzyklus als Hommage an den Komponisten. Dieses Werk wird besonders im Hinblick auf den anstehenden 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens Ende des Jahres 2020 vermehrt Aufmerksamkeit erhalten.

    Gustav Klimt interpretiert in diesem allegorischen Werk die 9. Sinfonie. Die beliebten Themenbereiche Tod und Leben setzt Klimt hier durch die Darstellung des „Bösen“ in Form von Krankheit, Leid und Sünde um, die durch die schönen Künste (Musik, Poesie und Malerei), die Natur und die Liebe ausgeglichen werden und in das Reich des Glücks und der Inspiration, in eine ideale Welt entführen.

    Ausschnitt: Gustav Klimt, Beethovenfries: Die feindlichen Gewalten, 1901-1902, Gesamtmaße 2,15 x 34,14 m, Mischtechnik, Belvedere, Wien / Leihgabe in der Secession, Wien
    Ausschnitt: Gustav Klimt, Beethovenfries: Die feindlichen Gewalten, 1901-1902, Gesamtmaße 2,15 x 34,14 m, Mischtechnik, Belvedere, Wien / Leihgabe in der Secession, Wien

    Gustav Klimt, der „Maler der Frauen“, schenkt uns seinen Blick der damaligen Zeit auf die Schönheit mit einem Sinn für dekorative Details, aber auch auf die Schublade, in die Frauen gesteckt wurden. Gleichzeitig scheint er die Frau, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die sexuelle Befreiung und Autonomie in allen Lebensbereichen kämpft, in den Mittelpunkt zu stellen und damit auch eine besonderes Augenmerk auf die Stärke der Frau, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu legen. Sein Blick ist nicht voyeuristisch, er ist ästhetisch und empfindsam. Diese kritische Auseinandersetzung unter feministischen Gesichtspunkten darf bei der Betrachtung seiner Bilder nicht fehlen, aber ebenso wenig sein Ideenreichtum und seine Kunstfertigkeit nicht außer Acht gelassen werden.

    Bildquelle 1: Von Gustav Klimt - The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153503

     

    Bildquelle 2: Von Klimt - http://www.artribune.com/arti-visive/arte-moderna/2017/03/furti-arte-tv-chi-l-ha-visto-il-ritratto-di-signora-di-klimt/, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=64011719

     

    Bildquelle 3: Von Gustav Klimt - 1. The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202. 2. Neue Galerie New York, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15348

     

    Bildquelle 4: Von Gustav Klimt - repro from artbook, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10554431

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    Kommentare: 1
    • #1

      Claudia Teuber (Dienstag, 21 Januar 2020)

      Ein sehr schöner Beitrag, sehr informativ und verständlich erzählt